Die Bibel widerspricht sich nirgends selbst.

Meistens lösen sich scheinbare Widersprüche bei intensiver Betrachtung rasch auf. Die häufigsten Ursachen für solcherlei Widersprüche ist die Nichtbeachtung einiger biblischer Prinzipien:

1. Die Bibel berichtet oft nur sehr knapp:
So wird die Bekehrungsgeschichte des Levi (= Matthäus) in nur einem Vers geschildert (Mt 9,9). Ebenso findet die oft gestellte Frage nach den Frauen der Söhne Adams ihre Antwort in den knappen, nicht auf Vollständigkeit abgestellten Berichten der Bibel. Die Lösung des Problems ist aber häufig durch Schlussfolgerung möglich: Nach 1. Mose 5,4 zeugte Adam Söhne und Töchter. In der Anfangssituation heirateten also die Geschwister untereinander; in der nächsten Generation waren es Cousinen und Cousins. So nahe an der Schöpfung war Inzucht nicht schädlich (siehe „Wen heirateten die Söhne Adams„).

2. Zu manchen Geschehnissen gibt es in der Bibel Parallelberichte mit anderen Aspekten.

Beispiel 1:
Die Stammbäume Jesu nach Matthäus 1,1-17 und Lukas 3,23-38 weisen neben Übereinstimmendem auch einige Unterschiede auf. Bei Matthäus finden wir ein typisches absteigendes Register, das bei Abraham beginnt und hinabreicht bis zu Joseph, dem Mann der Maria. Bei Lukas hingegen ist es aufsteigend, denn es beginnt mit Joseph und steigt auf bis zu Adam, ja, bis zu Gott. Das Geschlechtsregister bei Matthäus enthält 3 · 14 = 42 Namen und das bei Lukas 77 Namen, was offensichtlich symbolische Bedeutung
hat. Beide Listen lassen aus Übersichts- und Symbolgründen einige Personennamen aus, dennoch machen beide Übereinstimmendes
deutlich:
• Jesus ist nicht der Sohn Josephs
• Jesus ist ein »Stern aus Jakob« (4Mo 24,17)
• Jesus kam aus dem Stamm Juda (Offb 5,5)
• Jesus hat eine königliche Abstammung über David (1Chr 28,4-7; Jes 43,6; Offb 5,5).

Beispiel 2:
Die verschiedenen Berichte über die Auferstehung Jesu differieren in unwesentlichen Details. Diese Unterschiede zeigen, dass jeder als Augenzeuge schreibt und nicht voneinander abgeschrieben wurde. (Wenn mehrere Augenzeugen unabhängig voneinander über einen Verkehrsunfall berichten, dann werden die Schilderungen unterschiedlich ausfallen, obwohl alle die Wahrheit sagen).

3. Manche geistlichen Aussagen geben nur in ihrer Komplementarität den wirklichen Sinn wieder.
Die Physik des Lichtes lässt sich vollständig nur in komplementärer (lat. complementum = Ergänzung) Weise beschreiben: Einerseits verhält sich das Licht nach Wellen – andererseits nach Materieeigenschaften (Photonen). Erst wenn beide sich eigentlich widersprechenden Verhaltensweisen kombiniert werden, wird die Wirklichkeit richtig erfasst. Solche Komplementäraussagen kennt die Bibel auch. So gibt es für den rettenden Glauben zwei komplementäre, d. h. sich scheinbar widersprechende, aber in Wirklichkeit ergänzende Aussagen (siehe auch Frage FH1):
a) »So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben« (Röm 3,28; Luther).
b) »So sehet ihr nun, dass der Mensch durch Werke gerecht wird, nicht durch Glauben allein« (Jak 2,24).

4. Manche Probleme ergeben sich durch die jeweilig verwendete Übersetzung.
Beispiel: Nach der Lutherübersetzung vergräbt Jakob die Götzen unter einer Eiche (1Mo 35,4). Die dem Grundtext stärker verpflichtete Elberfelder Übersetzung belässt es gemäß dem Grundtext bei der Terebinthe.
Merksatz: »Die Menschen lehnen die Bibel nicht ab, weil sie sich selbst widerspricht, sondern weil sie dem Menschen widerspricht.«

5. In Einzelfällen ist die Auflösung scheinbarer Widersprüche schwierig, aber prinzipiell möglich.
Beispiele hierfür sind: der Tod des Judas (Mt 27,5b → Apg 1,18); der Inhalt der Bundeslade (1Kön 8,9 → Hebr 9,4); der Tod Sauls (1Sam 31 → 2Sam 1).

Erklärungsbeispiel:
Nach Matthäus 27,5 erhängte sich Judas, während es an anderer Stelle heißt: »Er stürzte vornüber und ist mitten entzweigeborsten und all sein Eingeweide ausgeschüttet« (Apg 1,18). Diese beiden Aussagen über den Tod des Judas scheinen sich zu widersprechen. Sie passen hingegen zusammen, wenn man die letztere Aussage z. B. als eine Beschreibung in stark bildlicher Sprache auffasst, etwa wie wir sagen würden »Er war völlig am Boden zerstört« (siehe Satz B59).

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